SPD Rheinstetten

130 Jahre SPD in Rheinstetten: Die Gründerjahre


Bis zum Ende der bismarckschen Sozialistengesetze gab es zwar keine sozialdemokratische Partei aber sehr wohl Sozialdemokraten als gewählte Gemeinderäte.

Als der Küfer Johann Kästel 1890 den SPD-Ortsverein in Forchheim gründete, war er bereits seit 1879 im örtlichen Gemeinderat. Den großherzoglichen Inspektoren bereitete das großes Kopfzerbrechen, wie man aus den Ortsbereisungsprotokollen ersehen kann, zumal Johann Kästel nach mehrfacher Wiederwahl sein Gemeinderatsamt bis 1911 ausübte.

Und 1903 unterlag der SPD-Mann Hieronymus Burkart bei der Wahl des Bürgermeisters nur knapp dem Kandidaten der bürgerlichen Parteien aus Zentrum und Liberalen.

 

Ähnlich war die Situation in Mörsch, wo die SPD zwar erst 1896 offiziell gegründet wurde, aber schon zuvor mit ihren sehr guten Wahlergebnissen für Aufsehen und Besorgnis sorgte, wie im Ortsbereisungsprotokoll von 1894 zu lesen ist.

Während man in der Anfangsphase die SPD kleinredete, änderte sich dies im Laufe weniger Jahre. Das Bereisungsprotokoll von 1908 beschäftigte sich in 9 von 23 Seiten allein mit den Sozialdemokraten, ihren Anträgen und ihrem Handeln. 1909 wählten die Sozialdemokraten im Bürgerausschuss Ludwig Fitterer zum Bürgermeister, der den Zentrumsmann Josef Kastner ablöste.

 

In Neuburgweier war es Wendelin Wüst, der 1905 den SPD-Ortsverein gründete und in den Gemeinderat gewählt wurde. Gleich beim ersten offiziellen Auftreten forderte er das Schulgeld aufzuheben, um Bildung für alle Kinder in Neuburgweier zu ermöglichen. 1912 kam es in Neuburgweier zu einer turbulenten Bürgermeisterwahl, bei der Wendelin Wüst die Zerstrittenheit des konservativen und klerikalen Lagers nutzte, um langfristig den Einfluss der Sozialdemokratie im Ort zu stärken.

Magda Kalkbrenner - 1971 erste SPD-Gemeindrätin in Forchheim
Heidi Antal, Rosmarie Czanderle, Liesel Wetzel - 1975 erste SPD-Gemeinderätinnen in Rheintetten

130 Jahre SPD in Rheinstetten: Frauen und Sozialdemokratie

Die Geschichte sozialdemokratischer Frauen im Gebiet des heutigen Rheinstetten begann in Forchheim 1919, als Frauen erstmals in der deutschen Geschichte wählen durften und gewählt werden konnten.

 

Drei SPD-Frauen kamen damals in den Bürgerausschuss: Albertine Burkart, Anna Helfer und Anna Rimmelspacher. Durch den Vorsitzenden des Bürgerausschusses wurde dieses Ereignis in keiner Weise gewürdigt. Verärgert erklärte die SPD deshalb: „Unsere Frauen werden diesen bürgerlichen Herren zeigen durch ihre Mitarbeit, dass endlich Zeit war, die Frau in politischer Hinsicht dem Manne gleichzustellen.“

 

Allerdings dauerte es dann bis Anfang der 1970er Jahre, ehe erneut eine Frau in ein politisches Amt gewählt wurde. Magda Kalkbrenner gelang am 24. Oktober 1971 der Sprung in das Forchheimer Ratsgremium und sie wurde damit zur Wegbereiterin ihrer Nachfolgerinnen im Rheinstettener Gemeinderat und in ihrer SPD-Fraktion.

Im internationalen „Jahr der Frau“, 1975 folgten ihr Heidi Antal, Rosmarie Czanderle und Liesel Wetzel. Heidi Antal hatte bereits seit 1972 als SPD-Ortsvereinsvorsitzende von Neuburgweier durch ihre Aktivität den Ort aufgemischt und mit dafür gesorgt die überwäl-tigende CDU-Vorherrschaft zu brechen.

 

In den folgenden Jahren arbeiteten Renate Becker, Monika Weber, Helga Burkart-Seemann und Angelika Wiedemann für die SPD im Gemeinderat. Aktuell ist Ingrid Fitterer, ehrenamtliche Stellvertreterin des Oberbürgermeisters und stellvertretende Fraktionsvorsitzende die einzige Frau in der SPD-Fraktion.

 

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Johann Rupprecht wird von Ernst Heil zum Ehrenbürger ernannt
Gerhard Dietz überreicht Kurt Roth die Ehrenbürgerurkunde

130 Jahre SPD in Rheinstetten: Die roten Bürgermeister

Die Frage, wie viele gewählte rote Bürgermeister es seit der Gründung des 1. SPD-Ortsvereins 1890 in Forchheim, Mörsch, Neuburgweier und Rheinstetten gegeben hat, werden auf Anhieb wohl nur wenige Menschen in unserer Gemeinde beantworten können.

 

Dass Hieronymus Burkart 1903 beim Versuch Bürgermeister von Forchheim zu werden scheiterte, wurde bereits im 1. Teil dieses kleinen Rückblicks auf die 130-jährige Geschichte der SPD in Rheinstetten erwähnt.

1909 gelang es dann den Mörscher Sozialdemokraten Ludwig Fitterer zum Bürgermeister zu wählen. Ihm folge 1919 der SPD-Vorsitzende Nikolaus Deck, in dessen Amtszeit die Gemeinde ans Stromnetz angeschlossen wurde und der den wegweisenden Wasservertrag mit Karlsruhe aushandelte, der noch heute mit dafür verantwortlich ist, dass Rheinstettens Wasserpreis wesentlich niedriger ist als der vergleichbarer Gemeinden.

 

Nach dem Ende der NS-Diktatur waren es in Forchheim und Neuburgweier die sozialdemokratischen Bürgermeister Johann Rupprecht und Josef Hettel, die den Aufbau ihrer Dörfer nach dem verheerenden 2. Weltkrieg voran brachten und die Integration der vielen Heimatvertriebenen, die Forchheim und Neuburgweier zugeteilt worden waren, erfolgreich gestalteten.

Auf Johann Rupprecht folgte 1961 Ernst Heil seinem Mentor im Amt des Forchheimer Bürgermeisters. Er modernisierte seine Gemeinde und war entscheidend am Gemeindezusammenschluss beteiligt.

 

Entgegen der Prognosen vieler kommunalpolitischer Experten wurde 1987 der SPD-Kandidat Kurt Roth zum Bürgermeister Rheinstettens gewählt. Unter ihm entstanden u.a. das Seniorenzentrum Rösselsbrünnle, die Gasversorgung, der Lärmschutz entlang der B 36 und er wirkte stark im Bereich der Sozialpolitik. Schließlich wurde Rheinstetten kurz vor Roths Ruhestand zur Stadt ernannt.

Im Jahr 2000 übernahm Gerhard Dietz das Amt des Rathauschefs. Er initiierte den Bau des Jugendhauses bei der Keltenhalle, vollendete die Verträge zur Neuen Messe, leitete die Neukonzeption der neuen Stadtmitte ein und stellte am Ende seiner Amtszeit die entscheidenden Weichen zur Ansiedlung des Edeka-Fleischwerkes.

 

Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Seit der Gründung der SPD in unserer Stadt gab es sieben gewählte rote Bürgermeister, von denen drei in Forchheim, Johann Rupprecht, bzw. Rheinstetten, Ernst Heil und Kurt Roth, zu Ehrenbürgern ernannt wurden.

Ehrung der Wiedergründer Ernst Heil, Karl-Friedrich Landhäußer, Hugo Rimmelspacher
Fraktion mit MdB Dr. Renate Lepsius 1979 (Lothar Rihm, Helmut Becker, Ernst Heil)
Ehrung ältestes SPD-Mitglied Kurt Burkart 2015 mit Christoph Lembach
 

130 Jahre SPD in Rheinstetten: Neustart vor 75 Jahren

 

Die Tage von Anfang April bis zum 8. Mai 1945 waren für die Sozialdemokratie in Forchheim, Mörsch und Neuburgweier „Tage der Befreiung“. Nach Verbot, Verfolgung und großem Verlust während der NS-Diktatur waren die SPDler entschlossen, den Wiederaufbau der drei Dörfer in einer demokratischen Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

 

Deshalb traf man sich bereits im Dezember 1945 zur Wiedergründung der Ortsvereine, um bei den Gemeinderatswahlen am 27. Januar 1946 mit vollständigen Listen antreten zu können.

Unter der Sitzungsleitung von Hugo Rimmelspacher (ab 1948 Oberbürgermeister von Ettlingen), Leopold Karle und Johann Rupprecht starteten die Sozialdemokraten in Forchheim. In Mörsch waren es Karl Falk, Anton Martin, Oskar Gindner und Linus Ball und in Neuburgweier Wilhelm Bauer, Adolf und Josef Hettel sowie Emil Schneider, die den Neustart in die Wege leiteten.

 

Die wiedergegründeten Ortsvereine in Forchheim und Mörsch gehörten fortan zu den stärksten Gruppierungen der Sozialdemokratie im Landkreis Karlsruhe. Diese Position konnten sie immer wieder durch die Ergebnisse bei Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen bestätigen.

Diese erfolgreiche Eigenständigkeit wurde dann beim Gemeindezusammenschluss 1975 zu einem Problem der SPD, denn es fiel den in den Ortsvereinen tonangebenden Akteuren schwer, sich ein- und unterzuordnen. In dieser Übergangsphase fungierte vor allem die Gemeinderatsfraktion als verbindendes Element und die Bürgermeisterwahlkämpfe von 1983 mit Kurt Bickel und 1987 mit Kurt Roth erzeugten ein neues Wir-Gefühl.

 

Am 22. September 1988 schlossen sich die bis dahin selbstständigen Ortsvereine in der Festhalle von Neuburgweier zur SPD Rheinstetten zusammen. Geführt wurde der neue, große Ortsverein von Wolfgang Knoch mit Sybille Reinkunz und Joachim Dambach an der Spitze der Verwaltung.

Heute leitet Christoph Lembach die SPD in Rheinstetten, die in diesem Jahr 2020 ihr 130 jähriges Bestehen feiern kann und damit die mit großem Abstand älteste, demokratische Partei in unserer Stadt ist.

 

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Ministerpräsident a.D. Kurt Beck im Gespräch mit Wolfgang Knoch und Helga Burkart-Seemann bei Bundesparteitag 2005
"Die Lollipops" auf der KiR-Bühne im Januar 2020

130 Jahre SPD in Rheinstetten: ...eigentlich wollten wir feiern!

 Eigentlich sollte 2020 für die SPD in Rheinstetten ein Jahr zum Feiern werden, denn schließlich besteht die sozialdemokratische Partei seit 130 Jahren in unserem Ort. Aber dann hat uns Corona, wie so vielen anderen auch, einen Strich durch alle Planungen gemacht.

 

Eigentlich sollte mit einem Festakt der Auftakt zum Geburtstagsjahr beginnen. Aber bedingt durch die jeweils aktuelle Situation mussten wir die ins Auge gefassten Termine verschieben und schließlich sagten wir endgültig ab. Unser Festredner bestärkte uns bei unseren Entscheidungen. Ministerpräsident a.D. Kurt Beck versichert: „Dann komme ich eben im nächsten Jahr nach Rheinstetten und wir feiern gemeinsam 130 + 1“.

 

Eigentlich wollten wir in diesem Jahr Ehrungen und besondere Auszeichnungen vornehmen, aber die Pandemie lässt das nicht zu. Deshalb wird die Ehrung für 40jährige Parteimitgliedschaft von Gemeinderätin a.D. Helga Burkart-Seemann ebenso ins nächste Jahr verschoben wie die Auszeichnung von Hermann Heil, der für seinen Einsatz als Gemeinderat, Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion und für seinen 20jährigen Vorsitz der SPD-Fraktion im Regionalverband Mittlerer Oberrhein mit der Willy-Brandt-Medaille geehrt werden sollte.

 

Eigentlich wollte auch unser Kulturprojekt, die KiR-Bühne, mit einem reichhaltigen Programm die Kulturszene in Rheinstetten wie seit nunmehr fast 20 Jahren bereichern. Aber Corona ließ nur eine Veranstaltung im Januar zu. Bereits der Kabarettabend im März fiel der Pandemie zum Opfer. An Stelle der Live-Erlebnisse gab es drei Kabarettisten auf „rheinstetten-tv“ unter dem Titel „KiR-online“ zu sehen. Wann die KiR-Bühne mit Publikum einen Neustart wagen kann, wissen wir nicht. Es ist zwar alles vorbereitet, aber ein gesundheitliches Risiko werden wir sicher nicht eingehen.

 

Wie gesagt: Eigentlich wollten wir feiern.

 

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Freigabe der S2-Strecke nach Mörsch durch Bürgermeister Kurt Roth mit OB Seiler, Minister Schäuble und AVG-Chef Ludwig
Dieter Hildebrandt bei seinem letzten Auftritt auf der KiR-Bühne

130 Jahre SPD in Rheinstetten: Was bringt das neue Jahr 2021?

Nachdem 2020 uns allen als außergewöhnliches und bedrückendes Jahr in Erinnerung bleiben wird, erhoffen wir vom nun folgenden Jahr „Licht am Ende des Tunnels“ und ein merkliches Abklingen der Pandemie.

Für die SPD in Rheinstetten gibt es einige Jahrestage, an die wir 2021 gerne erinnern möchten:

 

Vor 125 Jahren wurde 1896 der sozialdemokratische Ortsverein in Mörsch gegründet.

 

Vor 100 Jahren wurden zwei der Ehrenbürger Rheinstettens geboren – am 29. April 1921 Prof. Emil Wachter in Neuburgweier und am 15. Mai 1921 Ernst Heil in Forchheim.

 

Vor 75 Jahren fanden am 27. Januar 1946 Wahlen zu den ersten Gemeinderäten nach Ende der NS-Diktatur und des 2. Weltkrieges in Forchheim, Mörsch und Neuburgweier statt.

 

Vor 60 Jahren endete 1961 die Amtszeit des Forchheimer Bürgermeisters Johann Rupp-recht und es begann die von Ernst Heil.

 

Vor 50 Jahren wurde am 24. Oktober 1971 Magda Kalkbrenner in den Forchheimer Ge-meinderat gewählt. Sie war die erste Frau in einem Ratsgremium von Forchheim, Mörsch und Neuburgweier.

 

Vor 30 Jahren wurde am 30. November 1991 die Stadtbahnstrecke nach Mörsch bis zur Merkurstraße eröffnet.

 

Vor 25 Jahren wurden 1996 Prof. Emil Wachter und Bürgermeister a.D. Ernst Heil zu Eh-renbürgern ernannt.

 

Vor 20 Jahren gründete das Kulturprojekt der SPD Rheinstetten die KiR-Bühne, auf der seither weit über 100 Künstler der Spitzenklasse standen.

Vor 10 Jahren trat 2011 letztmals Dieter Hildebrandt in der Keltenhalle bei „KiR“ auf. Das fest vereinbarte vierte Gastspiel Hildebrandts auf der KiR-Bühne fand leider nicht mehr statt.

 

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Linus Ball – Der Mann, der den Toten ihre Würde wiedergab.

 

Am 19. Juli vor 50 Jahren verstarb der Ehrenbürger der ehemals selbstständigen Gemeinde Mörsch, Linus Ball.


Wer sich an die 1950er und 60er Jahre zurückerinnern kann, kennt den Mann mit der Feder in der Brusttasche seines Hemdes bzw. seines Saccos. Linus Ball war der „Leichenschauer“ von Mörsch und eine der bekanntesten Persönlichkeiten seiner Heimatgemeinde, die ihn an seinem 80. Geburtstag zum Ehrenbürger ernannte.

 

Der am 17. Mai 1888 geborene Linus Ball sei „ein leuchtendes Vorbild der Treue und Pflichterfüllung“ gewesen, so schreibt die Gemeindeverwaltung Mörsch in ihren Glückwünschen zum 80. Geburtstag. „Sein Werdegang ist in jeder Beziehung ein Weg der Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit in allen Dingen menschlichen Wirkens und Schaffens […] Sein beispielhafter Idealismus bewegt alle, die ihn kennen, zur aufrichtigen Bewunderung […] Bei ihm kann man sagen, dass nur Taten und nicht Worte den echten Menschen formen.“

 

Was uns heute sehr pathetisch klingt, hatte konkrete Hintergründe. Bereits 1905 bzw. 1906 war Linus Ball dem Arbeiter-Turn-und Sportbund sowie dem Deutschen Arbeiter-Sängerbund beigetreten. Nach dem 1. Weltkrieg trat er in die SPD ein und gehörte von 1919 bis 1933 für seine Partei dem Bürgerausschuss in Mörsch und dem Bezirksrat Ettlingen an und nach 1945 engagierte er sich erneut parteipolitisch im Gemeinderat seiner Heimatgemeinde.

Sein „Lieblingskind“ blieb jedoch zeitlebens der Turnverein, den er nicht nur nachhaltig prägte, sondern dessen verfolgte Mitglieder er durch sein Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus schützte. In der Nachkriegszeit setzte er alles in Bewegung, damit das Mörscher Volkshaus, das 1933 durch die Nazis zwangsenteignet worden war, seinem rechtmäßigen Besitzer, den TV Mörsch, zurückgegeben wurde.

 

Wer Linus Balls Bedeutung in Mörsch jedoch nur annähernd beurteilen möchte, muss sich in seine Unterlagen als „Leichenschauer“, den Beruf, den er seit 1928 im Auftrag der Gemeinde ausübte, in der Zeit zwischen 1944 und 1948 vertiefen, als er die minenverseuchte Gemarkung nach Toten absuchte, diese identifizierte und menschenwürdig bestattete. Die Lektüre seiner Aufzeichnungen und seines Briefwechsels mit Angehörigen in Deutschland, Frankreich, Polen oder Russland lässt erahnen, wie wichtig dieses Tun für Linus Ball gewesen ist, um den Opfern, gleich welcher Nationalität sie auch waren, ihre Menschenwürde zurückzugeben.

 

 

Wann immer es ging, machte Linus Ball die Angehörigen der Toten ausfindig, schrieb ihnen, legte den Briefen ein Foto der letzten Ruhestätte bei und sorgte dafür, dass die Gräber gepflegt wurden. Zahlreiche Antwortkarten und Briefe belegen die große Dankbarkeit der Hinterbliebenen gegenüber Linus Ball.

Noch heute gibt neben dem Ehrenfeld für die auf der Gemarkung Mörsch Gefallenen das Grab zweier weißrussischen Zwangsarbeiter (Johann Nikolagtschik und Sergei Usuwitsch), die bei einem Fliegerangriff im März 1945 auf das Epple-Kieswerk getötet worden waren, im alten Mörscher Friedhof Zeugnis von dem Mann, der den Toten ihre Würde wiedergab.

Gemeindefusion oder Eingemeindung nach Karlsruhe?

Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre war die Kommunalpolitik im Raum des heutigen Rheinstetten geprägt durch das Thema der Gemeindefusion zwischen Forchheim, Mörsch und Neuburgweier. Dass dies keine leichte Geburt war, können alle bezeugen, die damals in der Verantwortung standen.

 

Einer, der alle drei Gemeinden wieder an den Verhandlungstisch brachte, war der damalige Forchheimer Bürgermeister Ernst Heil (SPD), der zum Initiator zur Gründung Rheinstettens wurde.

 

Denn 1973 schrieb er einen Brief an seine Amtskollegen Werner Eich in Neuburgweier und Josef Winter in Mörsch, in dem er einen Gemeindezusammenschluss anregte und erneute, ernsthafte Verhandlungen vorschlug.

Ernst Heils Motivation: Unter allen Umständen wollte er die Eingemeindung Forchheims nach Karlsruhe verhindern.

 

Nach harten Verhandlungen und trotz einer ablehnenden Bürgerbefragung in Neuburgweier (20. Januar 1974) gelang schließlich bei einer Klausurtagung der Gemeinderäte aller drei Gemeinden im Mai 1974 im Hotel „Wiedenfelsen“ (Bühlertal) der Durchbruch, so dass am 11. Juni 1974 in der Aula der Forchheimer Schwarzwaldschule der Vereinigungsvertrag unterzeichnet werden konnte.

 

Weiteres zu unserer Geschichte mit einem Klick hier unter "Geschichte des Ortsvereins".

Vor 75 Jahren: Johann Rupprecht wird Forchheims Bürgermeister

Vor 75 Jahren endete im April 1945 im heutigen Rheinstetten, in Forchheim, Mörsch und Neuburgweier der 2. Weltkrieg. In Forchheim stand der charismatische Sozialdemokrat Johann Rupprecht gerade in jener Zeit für Zivilcourage, zupackendes und solidarisches Handeln.

 

An seinen politischen Ziehvater und die Ereignisse im April 1945 erinnert sich Rupprechts Nachfolger, Rheinstettens Ehrenbürger Ernst Heil:

„Die Forchheimer zogen mit Kuhfuhrwerken, Handwagen und zu Fuß nach Daxlanden und wurden dort bei Verwandten und Bekannten einquartiert. Einige beherzte Männer wagten sich jeden Abend zurück, um das Vieh zu füttern und zu melken. Zu diesen Couragierten gehörte auch Johann Rupprecht. Jeden Morgen hat er dann bei der Daxlander Kirche berichtet, wie es um unseren Ort stand.“

 

Nach der Einsetzung Johann Rupprechts zum Bürgermeister durch den französischen Kommandanten fand auf dem Forchheimer „Busplatz“ eine Bürgerversammlung statt, in der Rupprecht durch „Handaufheben“ bestätigt wurde.

Dazu schreibt Ernst Heil:

„Ich weiß noch wie befreiend die Abstimmung war, denn die Bürger waren glücklich einen Mann zu haben, der sich um das tägliche Brot kümmerte.“

 

Im kollektiven Gedächtnis der Forchheimer Bevölkerung blieb jedoch eine kleine Begebenheit haften, die das Bild und die Wertschätzung gegenüber Rupprecht nachhaltig prägte. Ernst Heil stellte das Ereignis wie folgt dar:

„Die Besatzer waren ab dem 20. April marokkanische Soldaten und diese haben sich aus den Häusern geholt, was sie wollten. So haben sie, um nur eine Begebenheit zu erwähnen, am 12. Mai vielen Einwohnern rücksichtslos bei der Begegnung auf der Straße ihre Fahrräder weggenommen und diese dann im Bürgersaal eingestellt. Bürgermeister Rupprecht musste für die Verwahrung geradestehen. Als die Soldaten weg waren, kamen die Bürger vor das Rathaus, um ihre Räder herauszufordern. Kurz entschlossen ließ Rupprecht die Leute in den Saal und schnell waren die Fahrräder herausgeholt. Die Marokkaner kamen bald darauf mit einem Lastwagen und an Stelle der Fahrräder nahmen sie den Bürgermeister mit und sperrten ihn in der Knielinger Kaserne in eine Latrinenhütte ein.“

Erst das Eingreifen der Ettlinger Standortkommandantur, die durch den stellvertretenden Bürgermeister Richard Rimmelspacher alarmierte worden war, konnte Schlimmeres verhindern. 

Veröffentlichungen der SPD Rheinstetten

Übergabe des Buches an OB S. Schrempp und Stadtarchivarin A. Lauber
Übergabe des Buches an OB S. Schrempp und Stadtarchivarin A. Lauber
Begrüßung durch den SPD-Vorsitzenden Christoph Lembach

125 Jahre Arbeiterbewegung in Rheinstetten: "Ohne meine Roten hätte ich das nie geschafft!"

Nach zweijähriger Arbeit hat Helmut Gerstner ein Buch über die Geschichte der Arbeiterbewegung im Gebiet der Großen Kreisstadt Rheinstetten fertiggestellt. In einer gelungenen Präsentation wurde das neue Buch über die wechselvolle Geschichte der Arbeiterbewegung in Rheinstetten am 21. März 2016 im Pamina-Museum Neuburgweier der Öffentlichkeit übergeben.

 

In seiner Begrüßungsrede verdeutlichte Christoph Lembach die allgemeinpolitischen Rahmenbedingungen innerhalb derer sich Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie in den vergangenen 125 Jahren im Raum des heutigen Rheinstetten entwickeln konnten. Der Vorsitzende der SPD Rheinstetten verwies auf die Rückschläge und Tiefen seiner Partei im Laufe ihrer über 150-jährigen Geschichte aber auch auf die Gradlinigkeit und Konsequenz, mit der die Sozialdemokratie Demokratie und Freiheit in unserem Land verteidigt habe.

 

In Anwesenheit von Oberbürgermeister Sebastian Schrempp, Ehrenbürger Kurt Roth und zahlreicher geladener Gäste gab Helmut Gerstner im zweiten Teil des Abends einen kleinen Einblick in die Geschichte der organisierten Sozialdemokratie in Forchheim, Mörsch und Neuburgweier, die mit dem Jahr 1890 begann. Unter dem Titel "Ohne meine Roten hätte ich das nie geschafft", einer Aussage des früheren Mörscher Pfarrers Franz Allgaier nach dem Wiederaufbau der St. Ulrich-Kirche, zeigt der Autor die Entwicklung der Arbeiterbewegung in den drei Ortschaften am Rhein seit 1890 und gewährt Einblicke in die internen Vorgänge der Sozialdemokratie. Sicherlich liegt BNN-Redakteur Johannes-Christoph Weis mit seiner Aussage in seinem Artikel über die Buch-Präsentation richtig, wenn er feststellt, die eine oder andere Anekdote erinnere etwas an Guareschis "Don Camillo und Peppone". Aber gerade diese heute unglaublich erscheinenden Vorkommnisse prägten die dörfliche Gesellschaft und ihre Wiedergabe, so der Autor in seinen Erläuterungen, ermögliche neue Perspektiven und den etwas anderen Blick auf Rheinstetten.

 

Dass das reich bebilderte, 200 Seiten starke Buch eine ganz eigene Faszination ausübt, konnte man nach der Präsentation erleben, als alle Gäste ihr druckfrisches Exemplar in den Händen hielten. Mancher, der sich nach einem raschen Durchblättern einen ersten Eindruck verschafft hatte, vertiefte sich umgehend in einzelne Passagen und es entstanden lebhafte Gesprächsgruppen, in denen eigene Erinnerungen mit dem verglichen wurde, was im Buch zu lesen ist. Die ersten Exemplare der Neuerscheinung überreichte Helmut Gerstner an Stadtarchivarin Annelie Lauber, Oberbürgermeister Sebastian Schrempp und den Herausgeber, Rheinstettens SPD-Vorsitzenden Christoph Lembach.

 

Das Buch zum Preis von 18,00 Euro gibt es exklusiv bei der Reginbert-Buchhandlung in Rheinstetten-Mörsch, Rappenwörthstr. 24.

Der etwas andere Blick auf Rheinstetten - die Präsentation des neuen Buches

Arbeitervereine und Volkshaus-bewegung

Als Helmut Gerstner, Autor des Buches "Ohne meine Roten hätte ich das nie geschafft" seinen 2. Vortrag für das Stadtarchiv Rheinstetten hielt, war der Veranstaltungssaal des Pamina- und Heimatmuseums in Neuburgweier am 16. November 2016 fast bis auf den letzten Platz besetzt.

 

Wie bereits bei seinem 1. Vortrag über die Beziehung der Arbeiterbegung zu den katholischen Pfarrern verstand er es auch in diesem Referat die großen Strömungen der nationalen und internationalen Arbeiterbewegung und deren konkrete Auswirkungen auf das Leben vor Ort, in den Dörfern Forchheim, Mörsch und Neuburgweier, aufzuzeigen. Dabei erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer viel Neues, das weit über den Inhalt des Buches zur Geschichte der Arbeiterbewegung hinausging.

Arbeiterbewegung und katholische Pfarrer

Einen gutbesuchten Vortrag hielt Helmut Gerstner, Autor des Buches "Ohne meine Roten hätte ich das nie geschafft", am 27. Oktober 2016 für das Stadtarchiv Rheinstetten im Saal des Zentrum Rösselsbrünnle.

 

Informativ und trotzdem kurzweilig zeichnete er ein nachvollziehbares Bild des Verhältnisses der katholischen Pfarrer in Forchheim, Mörsch und Neuburgweier mit den Vertretern der Arbeiterbewegung in den drei Dörfern seit 1890.